Essen was andere wegwerfen

© Teteline

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Zahlreiche Menschen, aus unterschiedlichen sozialen Schichten, holen sich ihre Lebensmittel, wenn der Supermarkt seine Türen längst geschlossen hat. Was hier täglich weggeworfen wird ist zum großen Teil noch genießbar und viel zu schade für die Mülltonne.

Es ist Mittwoch, kurz vor elf Uhr am Abend.  Im Hinterhof eines Berliner Edeka-Marktes spielt sich eine ungewöhnliche Szene ab: Eine Menschentraube versammelt sich um große Müllcontainer. Ausgestattet mit Tüten und Rucksäcken wühlen sie im Müll nach Essbarem. Doch nicht etwa, weil sie auf der Straße leben und andernfalls hungern müssten…

„Was die hier wegwerfen ist verrückt. Vor allem das Obst und Gemüse ist meist noch völlig in Ordnung!“, berichtet die 26-jährige Maike, die seit zwei Jahren regelmäßig „Müll-Shopping“ betreibt. Sie studiert Medizin und kommt mit ihrem BAföG und einer kleinen Finanzspritze ihrer Eltern gut über die Runden. „Finanzielle Gründe hat das bei mir nicht, nein. Aber ich kann einfach nicht zusehen, wie gutes Essen einfach in der Tonne landet. Anderswo auf der Welt verhungern die Menschen und hierzulande gehen wir so dermaßen verschwenderisch mit Lebensmitteln um!“

Die sechsfache Mutter Fathma hingegen muss jeden Cent zweimal umdrehen. „Meine Kinder haben alle Hunger. Sie sollen aber gesundes Essen bekommen. Im Supermarkt kostet Gemüse oft viel Geld. Hier gibt es das umsonst und es ist auch gut! Ich nehme hier auch Brot mit und Kekse. Chips gibt es hier auch oft.“ Neben Lebensmitteln hat Fathma schon viele kleine Schätze in den Müllcontainern der Supermärkte entdeckt: „Bei Aldi werden auch Kleidung und andere Dinge einfach weggeworfen, wenn sie nicht verkauft wurden. Auch eine Tischdecke und Schuhe habe ich hier schon gefunden. Alles noch original verpackt!“

„Ich frage mich, warum die solche Sachen nicht an die Tafel oder ein Sozialkaufhaus spenden. Lieber ab in die Tonne und vergammeln lassen“, findet Medizinstudentin Maike. Ihre WG-Mitbewohner waren anfangs skeptisch und haben sich vor dem Essen aus der Mülltonne geekelt. Inzwischen begleiten sie Maike regelmäßig auf ihre ungewöhnliche „Einkaufs“-Tour. „Ich sehe mich schon als eine Art Missionarin was das Thema angeht. Ich schäme mich dafür nicht. Warum auch.“

Die Statistiken sind wahrlich erschreckend: Mehr als die Hälfte aller Lebensmittel in Deutschland werden weggeworfen. Schätzungen des WWF zufolge produziert die Landwirtschaft Weltweit 4.600 Kilo-Kalorien pro Tag und Mensch. 1.400 davon werden nie aufgenommen. Ein Großteil der Lebensmittel landet schon in der Tonne, ehe er überhaupt einen potenziellen Kunden erreicht. Sogenannte Nachernteverluste werden entsorgt, weil beispielsweise auf dem Transportweg etwas schief gegangen ist. Die Kühlkette wurde unterbrochen oder es konnte keine rechtzeitige Verarbeitung gewährleistet werden.

Schafft es ein Produkt doch in den Handel, wird es hier aussortiert, sobald es nicht mehr den gängigen Schönheitsidealen entspricht: Bananen mit dunklen Stellen, Radischen mit welken Blättern landen im Müll. Lebensmittel, die das Mindesthaltbarkeitsdatum gerade überschritten haben, ebenfalls. Diese Produkte könnten noch bedenkenlos verzehrt werden. Sie würden sich aber schlecht verkaufen, also müssen sie in den Regalen Platz machen für neue Ware.

Sogenannte „Mülltaucher“, wie Maike und Fathma, nutzen diesen Fakt für sich. Doch riskieren sie damit eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch – Inhaber des Mülls ist bis zu dessen Abholung der Supermarkt. Doch Angst davor haben die wenigsten Mülltaucher: „Die würden uns wegschicken, aber nicht anzeigen. Das wäre viel zu peinlich, sie hätten Angst, ihr Gesicht zu verlieren in der Öffentlichkeit. Die meisten Menschen wissen gar nicht, was hier alles in den Müllcontainern landet. Die Supermärkte wollen nicht, dass das öffentlich gemacht wird.“

Der Trend, der ursprünglich aus den USA stammt, findet hierzulande immer mehr Anhänger. In Foren tauschen sich „Mülltaucher“ untereinander aus, geben sich Tipps und verabreden sich zu nächtlichen „Tauchgängen“. Fotos, die in diesen Foren gepostet werden, zeigen die Beute – teilweise so groß, dass sie an Bekannte verschenkt wird, weil sie von einer Person gar nicht aufgegessen werden könnte.

Im ersten Augenblick mag dieser Trend befremdlich wirken – im zweiten Moment wirkt er wie eine kleine Revolution in Zeiten einer verschwenderischen Konsumgesellschaft.

 

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Über die Autorin ()

Rebecca Schwab ist ausgebildete Online-Redakteurin, dreifache Mutter und Autorin von GreenFamily.de. Mit ihren Kindern und Hündin Bella lebt sie in Lübeck.

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