Unser Leben ist eine Reise

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wildnisfamilie04Wir sind eine reisende Familie mit sieben Kindern, die einen Großteil des Jahres mit ihrem Wohnmobil durch Europa fährt. Diese Art zu leben praktizieren wir seit etwa 10 Jahren. Damals haben wir uns ein Wohnmobil gekauft und ein halbes Jahr darin gelebt. Uns hat dieses Leben von Anfang an sehr gefallen. Unsere Kinder sind also einen Großteil ihres Lebens im Wohnmobil aufgewachsen. Ihre Definition von Zuhause ist unter anderem das Wohnmobil. Wie schön ist es, dieses Zuhause immer dorthin zu fahren, wo man sein möchte? Ein rollendes Wohnzimmer sozusagen, das man an den Strand, in einen Wald oder an andere schöne Plätze stellen kann.

 

Bei unseren Reisen stehen wir grundsätzlich wild. Wir fahren also weder einen Campingplatz noch einen Wohnmobilstellplatz an, sondern suchen uns ein schönes Plätzchen. Wir wissen also häufig nicht, wo wir am Abend schlafen werden und es ist ein Leben voller Überraschungen. Wir kamen bisher nur einmal in eine prekäre Situation und das war ein ganz typischer Anfängerfehler:

Wir waren mit unseren fünf Kindern auf dem Weg in den Süden, um das erste Mal in Süd Spanien zu überwintern. Meine Frau und ich waren zu diesem Zeitpunkt schwanger. In Frankreich wollten wir einen Zwischenstopp machen und hielten an einem schönen Rastplatz an. Damals haben wir sämtliche Anfängerfehler gemacht:

wildnisfamilie02Um nicht im Laternenlicht zu schlafen, sind wir etwas abseits gefahren an eine dunklere Stelle. Ein langsam vorbeifahrendes Auto umkreiste uns mehrfach und wir haben das dummerweise ignoriert. Da wir zwei Golden Retriever Hunde an Board hatten, fühlten wir uns mit diesen Wachhunden sicher.

Glücklicherweise bin ich dank meines Radarschlafes (den fast alle Mütter haben dürften) rechtzeitig durch das Geräusch eines Akkuschraubers aufgewacht. Als ich aus dem Alkovenfenster nach draußen schaute, sah ich zwei Gestalten, die sich an unserer Beifahrertür zu schaffen machten. Mir saß der Schreck in den Gliedern und ich bekam zunächst keinen Ton heraus. Die beiden Hunde schliefen und bekamen von den Einbrechern nichts mit. Ich hüpfte vom Alkoven nach unten und fing an laut zu schreien, dass sie abhauen sollen. Eigentlich war es egal was ich schrie, denn sie konnten mich eh nicht verstehen. Glücklicherweise wirkte mein Urwaldgeschrei und die Männer liefen in ihr Auto und fuhren davon. Ich hörte mein Herz laut schlagen und war erleichtert. Es dauerte einige Nächte bis ich überhaupt wieder an Schlafen denken konnte.

Seitdem fahren wir grundsätzlich immer runter von der Autobahn und vermeiden Rastplätze. Es gibt regelrechte Einbrecherbanden, die sich auf Wohnmobile spezialisiert haben. Logischerweise suchen sie genau die Plätze auf, an denen sich viele Wohnmobile sammeln. Auf Rastplätzen können sie also effektiv ein Wohnmobil nach dem anderen ausrauben.

wildnisfamilie03Wir schlafen nun meistens irgendwo auf einem Feld, im Wald, direkt am Strand oder an einem Sportplatz. Auch Friedhöfe haben meistens Parkplätze, auf denen man gut übernachten kann und ruhige Nachbarn hat. Seitdem hatten wir nie mehr ein solches Erlebnis und schlafen immer sehr ruhig und ohne Sorgen.

Von März bis Juli diesen Jahres waren wir in 14 verschiedenen Ländern Europas unterwegs. Nun hatten wir einen Monat Aufenthalt in Frankfurt und fahren im Augenblick zwei Monate durch Deutschland. Ab Oktober geht es dann für mehrere Monate nach Portugal und im Winter vielleicht auf die Kanaren oder nach Marokko. Wir sind also immer irgendwie unterwegs.

Für unsere Reisen, die ja unser Leben sind, planen wir folgendes:
Nichts! Wir haben kein Ziel und keine Vorgaben. Immer der Nase lang, dem schönen Wetter und den Abenteuern, die auf uns warten, entgegen. Denn genau in dieser Ungewissheit liegt für uns der Reiz des Lebens. Die Dinge zu nehmen und mit ihnen zu gehen wie sie kommen. Flexibel in unserer Bewegung zu bleiben und sich das Leben selbst entwickeln zu lassen.

Bei unserer letzten viermonatigen Reise durch Europa wollten wir eigentlich nach Sizilien. Sind dann jedoch schlussendlich in Griechenland und sogar in der Türkei gelandet und haben Sizilien nicht mal von Weitem gesehen. Das lag weder an unserem Navigationsgerät, noch an unsere Orientierung, sondern einfach daran, dass sich etwas anderes ergeben hat.

Ein festgefahrenes Leben wäre für uns ein Graus. Wir haben uns aus dem Hamsterrad von „Arbeiten, Essen, Schlafen, Arbeiten und zwischen drin drei Wochen Urlaub“ befreien können und genießen unser Vagabunden Leben. Wobei wir immer mal wieder mehrere Monate am Stück einen festen Platz haben, auf dem wir wohnen. Denn auch das ist wichtig, eine Reise setzen zu lassen, all die gesammelten Eindrücke zu verarbeiten, um schließlich wieder offen sein zu können für die nächsten Erlebnisse. Daher leben wir in Portugal auf einem traumhaften Grundstück in Alleinlage. Dort haben wir eine Wohnjurte und eine Saunajurte, Quellwasser und Solarenergie. Dieses Grundstück ist das Pendant zu unserem bewegten Reiseleben und erdet uns wieder ganz neu. Nach einigen Wochen jedoch fängt es in uns wieder an unruhig zu werden und wir bereiten uns auf den nächsten Trip durch unsere wunderbare Welt vor.

Solch ein Reiseanfang ist jedes Mal ein wunderbarer Sprung direkt ins Leben. Wir wissen nicht, was und wer uns begegnet und das macht die Seelenhaut frisch und glättet alle Falten des Routinealltags. Wir lassen uns einfach auf das Abenteuer ein und fließen mit dem, was da kommt. Flexibilität, Humor und Aufmerksamkeit sind Eigenschaften, die dabei sehr hilfreich sind. Während der Reise fliegt dann alles angestaubte einfach von uns ab. Es tut gut, wieder frischen Wind um die Ohren und durchs Gehirn pfeifen zu spüren, den Horizont zu erweitern und über den eigenen, begrenzten Tellerrand zu schauen.

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Fotos: von privat

Unsere Kinder sind durch unseren Lebenswandel unwahrscheinlich flexibel und gute Langstreckenfahrer. Ein nörgelndes „wann sind wir da“, kennen wir nicht. Zudem haben sie eine gewisse Sicherheit, sich in fremden Kulturen zurechtzufinden und sprechen fließend Englisch und etwas Portugiesisch, was hilfreich in vielen Ländern ist, weil man sich einige Wörter ableiten kann. Sie lernen nebenbei Dinge, die sie ansonsten in der Schule lediglich durch Schulbücher oder Videos erfahren würden. Wir nennen das „ganzheitliches Lernen“, denn es ist unmittelbar und erlebbar für sie und nicht nur ein theoretisch angeeignetes Wissen.

Das Leben selbst und solch eine Reise sind immer auch ein Spiegel voneinander und man kann herrlich philosophieren.

Während man auf einer gewundenen Straße fährt, weiß man nie, was einen hinter der nächsten Kurve erwartet. Ebenso ist es auch im Leben. Wir wissen nie, was geschieht. Manchmal fahren wir eine lange Strecke auf einer Autobahn, es geht zügig voran. Plötzlich eintretender Regen oder eine Nebelbank nehmen uns die Sicht, Seitenwind wirft uns von einer Seite auf die andere und wir haben ordentlich zu tun, nicht von der Fahrbahn ab zukommen.Manchmal drängelt einer von hinten, weil wir ihm zu langsam fahren und manchmal sind wir die Drängler, die sich von dem Vordermann aufgehalten fühlen.

In seltenen Fällen bleiben wir wegen einer Reifenpanne liegen oder der Sprit ist uns ausgegangen und wir kommen nicht mehr voran und sind auf Hilfe von Außen angewiesen. Schauen wir auf die vorbeifliegende Landschaft, wollen wir vielleicht anhalten um zu bleiben, zu erleben. Aber wir müssen weiter. Und an anderen Stellen, wo es hässlich und langweilig ist, stehen wir dann im Stau und kommen nicht weiter und werden somit zwangseingeladen, zu verweilen.

Auch in unserem Leben haben wir Seitenwind, Pannen, schöne Landschaften. Manche Zeitabschnitte würden wir am liebsten einfrieren und stehen bleiben. Bei anderen sind wir wiederum froh, wenn wir zügig Land gewinnen. Wir können also während einer Reise üben, wie wir im Leben mit diesen Situationen umgehen und andersherum ebenso.

Ein anderer Nebeneffekt an einem solch bewegten Leben ist, dass die Kinder lernen mit den Ressourcen gut umzugehen. Wasser und Strom sind Dinge, die nur begrenzt zur Verfügung stehen und daher sparsam verwendet werden. Ein minimalistisches Leben ist ebenso etwas, was sie natürlicherweise verinnerlichen, weil man einfach ein sehr begrenztes Platzangebot hat und schlichtweg nicht viel in ein Wohnmobil hineinpasst. Und der letzte wichtige Punkt ist, dass man lernt Rücksicht aufeinander zu nehmen. Denn auf solch einem engen Raum ist es wichtig, dass man Ordnung hält oder leise ist, wenn morgens noch jemand schläft. Schöne Begleiterscheinungen also. Ein großer Vorteil ist zudem, dass ein Großputz bei 16 Quadratmetern Wohnfläche einfach ratzfatz erledigt ist.

Wir sind also freudig gespannt, was wir alles erleben werden.

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Über die Autorin ()

Line Fuks lebt in in einer Regenbogenpatchworkgroßfamilie mit sieben Kindern zwischen fünf und 17 Jahren. Mit einem Wohnmobil fährt die Familie die meiste Zeit des Jahres durch Europa. Darüber bloggt sie auf Wildnisfamilie.net.

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