Langzeitstillen – ja oder nein?

Muttermilch ist die wertvollste Nahrungsquelle für Neugeborene. Bis zum sechsten Monat sollte ein Baby gestillt werden, dann beginnt die Zeit der Breikost und Schritt für Schritt die Entwöhnung von der Brust – so schreiben es Ratgeber, so empfehlen es viele Kinderärzte und auch Hebammen. Nach dem sechsten Monat reichen die Nährstoffe in der Muttermilch alleine nicht mehr aus, um ein heranwachsendes Baby altersgemäß versorgen zu können – gerade Eisen muss zu dieser Zeit zugeführt werden. Nur wenige Frauen hierzulande entscheiden sich dafür, ihr Kind über mehrere Jahre hinweg zu stillen. “Langzeitstillen” ist für viele Menschen befremdlich. Sie suchen nach Ursachen und gründen, hinter vorgehaltener Hand sprechen manche davon, dass es sich dabei um eine falsch verstandene Form der Mutterliebe handelt.

Symbolbild Langzeitstillen © Bildagentur PantherMedia quintanilla

Symbolbild Langzeitstillen © Bildagentur PantherMedia quintanilla

GreenFamily hat mit der Stillberaterin Julian Afgan über das Thema gesprochen. Ein Gespräch, das Mut macht und Ängste nimmt…

In welcher Situation/ in welchen Ländern macht es Sinn, wenn eine Mutter ihr Kind über mehrere Jahre hinweg stillt?

Der Sinn des Stillens über mehrere Jahre hinweg ist unabhängig vom wirtschaftlichen, politischen und sozialen Hintergrund. Die heute wissenschaftlich belegten gesundheitlichen Auswirkungen für Mutter und Kind sind situationsunabhängig.  Einfluss auf das Wohlbefinden von länger stillenden Mutter- Kind- Paaren haben natürlich der jeweilige kulturelle Hintergrund und die damit verbundene Akzeptanz individueller Stilldauern.

Auch immer mehr Mütter hierzulande entscheiden sich für das sogenannte Langzeitstillen. Welche Ursachen kann dies haben?

Langzeitstillen ist ein interessanter und nicht eindeutig definierter Begriff; es ist vielmehr ein wager, recht junger Ausdruck für eine Stilldauer über die aktuell geltenden kulturellen Gewohnheiten hinaus. Evolutionär oder physiologisch betrachtet könnte man das Stillen eines Kleinkindes genauso gut  „Normalzeitstillen“ nennen. Und eine Mutter aus Namibia würde ein Abstillen innerhalb der ersten Lebensmonate vielleicht „Kurzzeitstillen“ nennen? Wenige Mütter hierzulande entscheiden sich- vor allem beim ersten Kind- ganz bewusst für eine Stilldauer bis ins Kleinkindalter hinein.  Die meisten Mütter, die länger stillen, spüren einfach nur, dass das Stillen ihnen und dem Kind gut tut. So wachsen sie stillend ins Kleinkindalter hinein.  Vielen Eltern ist inzwischen auch der gesundheitliche Wert der Muttermilch bewusster. Eltern stehen zudem heutzutage vielfältige Informationsmöglichkeiten über das Leben mit Kind zur Verfügung. Dadurch steigen die Wahlmöglichkeiten, was es für manche Mütter einfacher macht, das für sie Passende zu finden.  Austausch und gegenseitige Bestätigung über  Internetforen oder Stillgruppen bestärken eigene Entscheidungen.
Wichtig im Zusammenhang mit der Frage nach Ursachen ist es auch, die aktuelle Entwicklungsforschung im Blick zu haben. Das Bild des Kindes wandelt sich derzeit weg vom Bild des „kleinen Tyrannen“ aus der Zeit der sog. „schwarzen Pädagogik“ vergangener Jahrzehnte hin zum Bild des Kindes als „kompetentes Wesen von Geburt an“. Heutzutage werden Eltern wieder mehr darin bestärkt, ihrem Kind eine feste emotionale Basis in Form sicherer Bindungen mitzugeben.  Die Angst, das Kind durch positive Beziehungserlebnisse, Zuwendung und Trost zu verwöhnen, schrumpft ganz langsam. Es setzt sich immer mehr das Vertrauen in die positiven Entwicklungsgrundlagen eines Babys und Kleinkindes durch. Dies macht es Müttern etwas leichter, entspannt und angstfrei auch über die kulturellen Gewohnheiten hinaus ihrem Kind Geborgenheit durch das Stillen geben zu dürfen.

Bringt das Langzeitstillen hierzulande Vorteile für Mutter und Kind?

Es gibt viele Studien, die die positiven gesundheitlichen Auswirkungen des jahrelangen Stillens für Mutter und Kind belegen. Den Studien zu Folge müsste ich Ihre Frage korrekterweise beantworten, indem ich deren Aussage umdrehe: Kinder, die nicht langzeitgestillt werden, haben ein erhöhtes Krankheitsrisiko.
Es zeigen sich beispielsweise  Schutzwirkungen in Bezug auf Mittelohrentzündungen, Bronchitis, Durchfall oder Atemwegsinfektionen. Belegt sind z.B. auch präventive Wirkungen  bezüglich chronischer Erkrankungen wie insulinabhängigen Diabetes oder koronarer Herzkrankheit. Langes Stillen ist nicht nur für das Kind, sondern auch für die Mutter eine wunderbare Gesundheitsvorsorge. Langes Stillen wirkt sich positiv auf den Stoffwechsel der Mutter aus. Es bestehen Zusammenhänge zwischen einer längeren Stilldauer und erniedrigtem Risiko für Tumorerkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane. Für Eierstockkrebs beispielsweise sinkt das Risiko mit jedem einzelnen Stillmonat um 1%.  Auch zeigen sich positive Auswirkungen bezüglich einer höheren Knochendichte im Alter oder einem verringerten Insulinbedarf bei manifestem Diabetes.
Schwieriger zu untersuchen und zu belegen sind die Auswirkungen des langen Stillens  auf die psychische Entwicklung des Kindes, da diese von vielen sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren abhängt. Heute weiß man, dass feste Bindungen und somit emotionale Sicherheit eine optimale Entwicklungsgrundlage für ein Kind darstellen. Sichere Bindung entwickelt sich aus vielen kleinen positiven Beziehungserlebnissen heraus. Langes Stillen kann eine Möglichkeit für Mutter und Kind sein, positive Beziehungserlebnisse zu schaffen: gemeinsame Zeit teilen, Ruhepunkte finden, Körper- und Blickkontakt haben, sich einander zuwenden, achtsam für die Bedürfnisse des jeweils anderen sein.
Ein Kind muss nicht bis ins Kleinkindalter und darüber hinaus gestillt werden, um sich zu einem gesunden und glücklichen kleinen Menschen zu entwickeln. Jede Mutter trägt mit ihrer individuellen Stilldauer und ihrer mütterlichen Zuwendung auf ihre Weise dazu bei, dass sich ihr Kind gut entwickelt. Und wenn Mutter und Kind sich damit wohl fühlen, jahrelang zu stillen, dann profitieren beide davon.

Sollten Mütter, die ein Kleinkind stillen dazu stehen oder dies lieber nicht in der Öffentlichkeit tun?

Diese Frage ist ganz kurz und einfach zu beantworten.  Wenn die Mutter sich damit wohl fühlt, Sicherheit und Selbstbewusstsein ausstrahlt, dann nur zu. So ermutigt sie andere stillende Mütter, sich nicht verstecken zu müssen und trägt ein Stück dazu bei, das Stillen eines größeren Kindes etwas vertrauter werden zu lassen. Fühlt sich die Mutter damit nicht wohl, dann ist es für sie und ihr Kind angenehmer in geschützter Umgebung zu stillen. Keine Mutter muss sich schiefen Blicken aussetzen oder sich vor Fremden rechtfertigen.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf mancher Menschen, Langzeitstillen grenze an Kindesmissbrauch?

Kindesmissbrauch ist eine vorzeitige sexuelle Handlung an, vor oder mit Kindern, bei der ein Macht- oder Wissensgefälle herrscht. Eine Stilldauer über mehrere Jahre hinweg ist dagegen  rein physiologisch ein ganz natürlicher und altersangepasster Reife- und Entwicklungsprozess. Dieser Reifeprozess ist uns heute in unserer westlichen Kultur lediglich fremd geworden- und was fremd ist, mag uns erstmal beängstigen.

Wie kann ein Kind wie können Eltern/ Erzieher damit umgehen, wenn es im Kindergarten oder der Grundschule gehänselt wird, weil es noch aus Mama Brust trinkt?

Ein Kind braucht starke Erwachsene, die ihm Rückendeckung geben und ihm signalisieren, dass es ganz so, wie es ist, gut und richtig ist. Jedes Kind hat sein ganz eigenes Tempo, in dem es liebevolle Tröster benötigt und irgendwann ablegt: das eine hat seinen Bär, das andere den Schnuller, wieder ein anderes sein Schmusetuch, ein anderes Mamas Brust. Hilfreich ist es jedes Kind individuell darin zu begleiten, die Waage zwischen dem vertrauten Rückzug und Trost der Eltern und dem Drang der Gleichaltrigen, sich nach vorne zu entwickeln, zu halten. Und wir Eltern haben dabei die Aufgabe, die Signale unserer Kinder feinfühlig wahrzunehmen und jedem Kind sein eigenes Tempo zuzugestehen. Der Erfahrung nach haben übrigens Kinder untereinander weniger Probleme mit dem langen Stillen als wir Erwachsene es haben. Packen wir uns am besten an der eigenen Nase und leben wir unseren Kindern vor, wie wir achtsam miteinander umgehen können; wie bereichernd es sein kann, der großen Vielfalt der Menschen mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen; wie Befremdliches vertrauter wird, wenn man sich damit beschäftigt.

Ist es schwieriger, ein größeres Kind von der Brust zu entwöhnen? Wie gelingt dies am besten?

Das Abstillen eines größeren Kindes folgt einem ganz natürlichen Reife- und Entwicklungsprozess. Dieser Prozess findet in einem feinen Wechselspiel zwischen Mutter und Kind statt. Das Kind nimmt immer aktiver an seiner Umwelt teil, hat vielfältige Aufgaben und Tätigkeiten, denen es sich stellt. Gestillt werden möchten die meisten größeren Kinder noch zum Auftanken, Ausruhen, zum Snack, zum Trost oder als Schlafritual. Nach und nach nimmt das Kind auch immer mehr an fester Nahrung auf, es trinkt weniger Muttermilch. Die Mutter sendet dem Kind in diesem Wechselspiel Signale aus, wie sie in welcher Situation reagieren möchte. Kleinkinder spüren und lernen schnell, ob die Mutter zum Beispiel nicht mehr in der Öffentlichkeit stillen möchte und verlangen dann unterwegs auch keine Brust. Oder die Mutter signalisiert, dass sie nur noch zu bestimmten Zeiten bereit ist die Brust zu geben, z.B. morgens als Schmuseeinheit- und das Kind weiß, dass es dann tagsüber eine andere Form der Zuwendung bekommt. Je größer das Kind, umso einfacher lassen sich Stillzeiten durch neue schöne Kuschelrituale ersetzen. Das Abstillen gelingt der Erfahrung nach am besten, wenn ein Teil des Stillteams nicht mehr möchte. Entweder stillt sich das Kind von alleine ab. Oder die Mutter beschließt, dass nun der Zeitpunkt des Abstillens gekommen ist. Für beide Fälle ist es ausschlaggebend, authentische und klare Signale zu senden, die der jeweils andere versteht. Unsere Kinder senden diese Signale ganz klar, sie sind nicht zu übersehen. Aber wie geht es mir als Mutter- wie authentisch sende ich Signale? Da wird es schon komplizierter. Ich muss als Erwachsene erstmal selbst genau in mich hineinhorchen und mir meiner eigenen Gefühle und Bedürfnisse ganz klar werden. Bin ich an dem Punkt, an dem ich Abstillen möchte? Was nehme ich bei mir wahr, was bei meinem Kind?  Nur wenn ich mir da ganz klar bin, kann ich meinem Kind auch entsprechende authentische Signale senden, die das Abstillen einläuten. Diese Klarheit vermittelt meinem Kind die Sicherheit, dass alles in Ordnung ist, auch wenn sich Vertrautes ändert.

Julia Afgan, LLL- Stillberaterin, Dipl. Psychologin

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